Veranstaltung
30.04.2026

Spotlight Event: Die Wettbewerbsfähigkeit Europas im Zeitalter der Rivalität

Clément Beaune fordert neue europäische Ambitionen angesichts globaler wirtschaftlicher und geopolitischer Herausforderungen.

Am Donnerstag, dem 23. April 2026, empfing das Jacques Delors Centre Clément Beaune, Frankreichs Hochkommissar für Strategie und Planung und ehemaliger Berater für europäische Angelegenheiten von Präsident Emmanuel Macron, zu einer Grundsatzrede, an die sich ein Gespräch mit der Co-Direktorin des Centres, Thu Nguyen, anschloss. Zur Eröffnung der Veranstaltung erinnerte Mark Hallerberg, Dekan für Forschung und Fakultät, an die engen Verbindungen zwischen Beaune und dem verstorbenen Präsidenten der Hertie School, Henrik Enderlein, und betonte, wie dringend es für die Europäische Union sei, ihre Wettbewerbsfähigkeit in einem sich wandelnden globalen Kontext zu stärken.

Vertiefung der europäischen Zusammenarbeit

Beaune begann seine Ausführungen mit einem Rückblick auf seine persönlichen Erfahrungen mit der europäischen Integration und erinnerte insbesondere daran, wie sein Erasmus-Aufenthalt in Dublin sein starkes Engagement für die Zusammenarbeit zwischen den EU-Mitgliedstaaten geprägt habe.

In seiner derzeitigen Funktion als Hoher Kommissar für Strategie und Planung – eine Position, die einst Jean Monnet innehatte, wie Beaune mit einem Lächeln anmerkte – strebe er an, “Europas Schatz an Zusammenarbeit" zu stärken. In einer Welt, die von geopolitischer Rivalität und zunehmendem wirtschaftlichem Wettbewerb geprägt sei, müsse die Europäische Union sich anpassen und die Zusammenarbeit vertiefen, insbesondere in Bereichen wie Verteidigung, Klimapolitik und Technologie.

Zwei strukturelle Herausforderungen: Demografie und wirtschaftlicher Wettbewerb

Beaune nannte dennoch zwei wesentliche Hindernisse für eine engere Zusammenarbeit. Das erste sei demografischer Natur: Die alternde Bevölkerung und sinkende Geburtenraten belasten die öffentlichen Finanzen zunehmend, auch in Bereichen wie dem Bildungswesen. Seiner Ansicht nach tragen diese Entwicklungen zu einer wachsenden Unterstützung für rechtsextreme Parteien bei.

Die zweite Herausforderung sei externer Natur und hänge insbesondere mit dem Handelsdruck aus China zusammen, der die wirtschaftlichen Schwachstellen Europas offenlegt. Beaune wies auf den hohen Anteil der europäischen Produktion hin, der dem chinesischen Wettbewerb ausgesetzt sei, und betonte die Notwendigkeit einer strategischeren wirtschaftlichen Reaktion.

Ein Aufruf zu ehrgeizigeren europäischen Maßnahmen

Als Reaktion auf diese Herausforderungen forderte Beaune einen neuen Ansatz. Die Europäische Union, so argumentierte er, brauche ehrgeizige und zukunftsorientierte Ideen, darunter umfassendere Zollmaßnahmen gegenüber China. Grundlegender noch forderte er die europäischen Entscheidungsträger auf, den Ehrgeiz der Gründergeneration der europäischen Integration wiederzuentdecken, die bewiesen habe, dass eine tiefe Zusammenarbeit möglich ist.

Gespräch mit Thu Nguyen

In der anschließenden Diskussion befragte Thu Nguyen Beaune zur Umsetzbarkeit seiner Vorschläge mit Blick auf den Spielraum für Kompromisse in der Handelspolitik, Europas Abhängigkeit von chinesischen Rohstoffen und die praktische Umsetzung seiner wirtschaftlichen Vision auf EU-Ebene. Sie sprach zudem die Rolle der deutsch-französischen Beziehungen bei der Förderung europäischer Initiativen an.

In seinen Antworten betonte Beaune, wie schnell sich Chinas Position in der Weltwirtschaft entwickelt habe, und brachte die aktuelle Situation Europas mit Verzögerungen bei der Umsetzung wichtiger Reformen in Verbindung, insbesondere jener, die im Draghi-Bericht dargelegt sind. Er räumte zwar ein, dass gewisse Abhängigkeiten bestehen bleiben würden, hob jedoch die Bedeutung von Strategien zur Risikominderung und einer langfristigen Perspektive hervor und wies auf die potenziell hohen Kosten der Untätigkeit hin.

In Bezug auf die deutsch-französischen Beziehungen schlug Beaune einen vorsichtig optimistischen Ton an und argumentierte, dass klare Ziele, feste Fristen und ein nachhaltiges politisches Engagement es beiden Ländern ermöglichen könnten, eine führende Rolle bei der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Europas und der Bewältigung globaler Herausforderungen zu spielen.

Fragen aus dem Publikum

Die Veranstaltung endete mit einer Fragerunde. Die Teilnehmenden stellten Fragen zur Handlungsfähigkeit Europas unter Zeitdruck, zu Vorschlägen für ein kleineres oder stärker integriertes Europa, zur Idee einer europäischen Verteidigungsunion sowie zu den Auswirkungen der bevorstehenden französischen Präsidentschaftswahlen.

Sehen Sie sich unten die Aufzeichnung der Veranstaltung an.


Photo credits: Sebastian Pfütze