Der spanische Außenminister José Manuel Albares skizziert eine Vision für ein souveräneres, geeinteres und global engagierteres Europa.
Am 20. Mai 2026 empfing das Jacques Delors Centre José Manuel Albares, den spanischen Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Europäische Union und Zusammenarbeit für eine Grundsatzrede zur Zukunft Europas in einer sich rasch wandelnden Welt. Zu Beginn der Veranstaltung unterstrich Mark Hallerberg, Dekan für Forschung und Fakultät, das Ausmaß der Herausforderungen, denen Europa derzeit gegenübersteht, was die Diskussion über seine Zukunft umso dringlicher mache. Minister Albares konzentrierte sich in seinen Keynote darauf, wie Europa auf die zunehmenden geopolitischen Spannungen reagieren, den Multilateralismus verteidigen und seine wirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und demokratischen Grundlagen stärken kann. Auf seine Rede folgte eine ausführliche Diskussion unter der Moderation von Thu Nguyen, Co-Direktorin des Jacques Delors Centre, sowie eine Fragerunde mit dem Publikum.
Stärkung multilateraler Zusammenarbeit in einer zersplitterten Welt
Minister Albares bezeichnete die gegenwärtige Situation als einen entscheidenden Moment für Europa. Anhaltende Konflikte – vom Krieg Russlands gegen die Ukraine über die Konflikte im Nahen Osten bis hin zur Instabilität im Sudan – stellen das Völkerrecht auf die Probe und wirken sich unmittelbar auf die Sicherheit Europas aus. Seiner Ansicht nach spiegeln diese Entwicklungen einen umfassenderen Trend wider: „Wir beobachten eine Infragestellung des Völkerrechts, den Aufstieg des Unilateralismus und den Rückgriff auf Gewalt als Instrument der Außenpolitik.“
Vor diesem Hintergrund sprach sich Minister Albares nachdrücklich dafür aus, dass Europa sein Bekenntnis zum Völkerrecht, zur Zusammenarbeit und zur regelbasierten Ordnung bekräftigt. „Ohne Multilateralismus ist es nicht möglich, eine multipolare Welt zu gestalten“, betonte er.
Für ihn trägt die Europäische Union eine besondere Verantwortung: Auf Frieden und Zusammenarbeit gegründet, muss sie das Völkerrecht wahren und geschlossen handeln. Ohne dieses Engagement, so warnte er, sei die Alternative nicht eine neue Weltordnung, sondern Instabilität und Konflikt.
Aufbau europäischer Souveränität in Schlüsselbereichen
Ein zentrales Thema der Rede war die Notwendigkeit einer stärkeren europäischen Souveränität, verstanden als die Fähigkeit, unabhängig zu handeln und gleichzeitig offen für Zusammenarbeit zu bleiben. Minister Albares betonte die Vollendung des Binnenmarkts, die Stärkung einer europäischen Kapitalmarktunion und den Aufbau eines einheitlichen digitalen Raums, um Abhängigkeiten zu verringern.
Er forderte zudem diversifizierte Handelspartnerschaften und einen ambitionierteren EU-Haushalt zur Finanzierung gemeinsamer Prioritäten wie Innovation und Infrastruktur.
In Bezug auf Sicherheit und Verteidigung sprach sich Minister Albares für eine tiefere Integration aus, einschließlich der Entwicklung einer europäischen Schnelleingreiftruppe. Dies, so betonte er, würde die NATO ergänzen und Europa gleichzeitig in die Lage versetzen, mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit zu übernehmen.
Er stellte zudem einen Zusammenhang zwischen äußerer Sicherheit und innerer Widerstandsfähigkeit her und warnte, dass Desinformation und rechtsextreme Bewegungen erhebliche Risiken für die europäische Demokratie darstellen. Die Stärkung Europas erfordere daher sowohl verbesserte Verteidigungsfähigkeiten als auch den Schutz seiner Grundwerte.
Von der Vision zur Politik: Gespräch mit Thu Nguyen
Im Mittelpunkt des Austauschs mit Thu Nguyen stand die Frage, wie man von der Diagnose zur Umsetzung gelangt. Minister Albares betonte, dass die notwendigen Ideen allgemein bekannt seien, der politische Wille jedoch das größte Hindernis darstelle: „Wir wissen genau, was wir tun müssen. Die Frage ist, warum wir es nicht tun, wenn wir wissen, dass wir es tun müssen.“
Er forderte Reformen der EU-Entscheidungsprozesse – darunter die Ausweitung der Beschlussfassung mit qualifizierter Mehrheit, um Blockaden zu vermeiden. „Wir werden wahrscheinlich eine Avantgarde brauchen, um voranzukommen […] und dann werden sich die anderen anschließen“, schlug Minister Albares vor.
Fragen und Antworten aus dem Publikum: Sicherheit, Migration, Klima
In der Fragerunde stellten die Teilnehmenden Fragen zu den NATO-Verpflichtungen, zur Verteidigungsintegration, zu Migration, China, Klimapolitik und zum Nahen Osten.
Minister Albares verteidigte Spaniens Beiträge für die Ukraine und die NATO und betonte, dass der Fokus nicht allein auf den Ausgabenzielen liegen sollte: „Anstatt uns auf einen Prozentsatz zu konzentrieren, sollten wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: die Kapazitäten.“ Er betonte die Wirksamkeit der spanischen Migrationspolitik als einer Kombination aus externer Zusammenarbeit, Entwicklungshilfe und Regularisierung, während er den Widerstand in anderen Ländern größtenteils auf innenpolitische Dynamiken zurückführte. In seinen Antworten betonte Minister Albares zudem, wie wichtig der Dialog mit China als Teil einer glaubwürdigen globalen Strategie sei, und bekräftigte Spaniens Unterstützung für die Anerkennung Palästinas als Mittel zur Wahrung der Zwei-Staaten-Lösung. In diesem Zusammenhang wurde der Klimawandel als existenzielle Herausforderung angesprochen, die multilaterale Zusammenarbeit erfordert, wobei Spaniens Energiewende hin zu erneuerbaren Energien als Beispiel für wirtschaftliche und strategische Vorteile angeführt wurde.
Sehen Sie sich unten eine Aufzeichnung der Veranstaltung an.
Photo credits: Sanyam Bajaj









