Jacques Delors Centre

Hintergrund

Über unsere Arbeit

Am Jacques Delors Centre geht wissenschaftliche Europaforschung Hand in Hand mit der Entwicklung von konkreten Ideen für eine zukunftsorientierte Europapolitik. 

In unserer Think-Tank-Arbeit eröffnen wir mit unseren Analysen einen unabhängigen, überparteilichen Blick auf europapolitische Vorgänge und Entscheidungen. Wir entwickeln konkrete Vorschläge für ein besseres und zukunftsfähiges Europa. Durch vielfältige Formate und Kanäle teilen wir unsere Erkenntnisse und Ideen mit Entscheidungsträgern sowie der interessierten Öffentlichkeit und ordnen das europapolitische Geschehen tagesaktuell ein.

In unserer Forschungsarbeit arbeiten wir unabhängig vom Tagesgeschäft daran, systematisch Wissenslücken zur europäischen Integration zu schließen. Im engen Austausch mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt betreiben wir theoretisch reflektierte empirische EU-Forschung aus rechts-, politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive.

Die Synergien aus Wissenschaft und Policy-Analyse machen das Jacques Delors Centre zu einem einzigartigen Ort für Europa-Forschung, Debatten und Visionen. Einerseits stellen am Jacques Delors Centre Forschungserkenntnisse einen zentralen Baustein unserer Politikempfehlungen dar. Andererseits setzt die Think-Tank-Arbeit Impulse für die Forschung. Auf diese Weise versachlichen wir europapolitische Diskussionen und treiben sie an. Damit setzen wir uns für ein starkes Europa im Sinne unseres Namensgebers Jacques Delors ein.

Über Jacques Delors

Jacques Delors - Gründer des modernen Europas

Als Jacques Delors dem Europäischen Parlament seinen ersten Besuch als neuer Präsident der Europäischen Kommission abstattete, befand sich der Kontinent in einer Krise. Großbritannien blockierte alle Bemühungen für mehr europäische Integration und unter den zehn Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaften herrschte ein allgemeiner Pessimismus über die Zukunft der gemeinsamen Wirtschaft. Das europäische Projekt, so hieß es, zerfalle langsam. Trotz dieser düsteren Aussichten betrat Jacques Delors das Parlament mit einer Vision und einem Plan. „Ist es vermessen", fragte er, „den Beschluss zur Abschaffung aller innergemeinschaftlichen Grenzen bis 1992 anzukündigen und dies dann auch umzusetzen?“ Neben dieser kühnen Ankündigung legte der Präsident dem Parlament 300 Legislativmaßnahmen vor, die die Schaffung eines europäischen Binnenmarktes ermöglichten. Er hielt sein Wort und unterzeichnete 1992 den Vertrag von Maastricht, der die offizielle Abschaffung aller Grenzen für Wirtschaftsgüter innerhalb der Europäischen Union bedeutete, die treibende Kraft hinter der europäischen Integration.

Jacques Delors glaubte fest an das europäische Projekt und trieb die Integration mit seinem berühmten Eifer und seiner Liebe zum Detail voran. 1925 in Paris geboren, wurde er Zeuge der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs, eines „europäischen Bürgerkriegs", wie sein Vater ihm erklärte. Jacques Delors wuchs in einer katholischen Familie mit einem sozialistischen und kriegsversehrten Vater auf und verstand Europa schon früh als Friedensprojekt. Seine politische Karriere begann jedoch mit seiner Tätigkeit in der katholischen Gewerkschaft. Während er sich als Angestellter der Banque de France unermüdlich nach oben arbeitete, kämpfte er für seine Vision einer sozial gerechten Gesellschaft, die er durch eine starke Rolle der Gewerkschaften garantiert sah. Die Bedeutung der sozialen Dimension für ihn, spiegelt sich auch in seinem Menschenbild wider, das tief im Konzept des Personalismus verwurzelt ist. Entsprechend dieser philosophischen Denkrichtung zeichnet sich der Mensch gleichermaßen durch seine individuelle Freiheit als auch die Verantwortung für seine Mitmenschen Aus. Auf diese Weise versuchte der Personalismus, die goldene Mitte zwischen kapitalistischem Individualismus und Kommunismus zu fördern. Als Jacques Delors schließlich die Grenzen seiner gewerkschaftlichen Tätigkeiten erkannte, trat er 1969 als Sozialberater des gaullistischen Premierministers Jacques Chaban-Delmas in die französische Politik ein, um seine Ideale in die Praxis umzusetzen.

„Es gibt Menschen, die sich damit begnügen, gegen die heutige Gesellschaft zu protestieren, und andere, die versuchen, sie aktiv zu verändern. Ich ziehe es vor, der zweiten Kategorie anzugehören", sagte Jacques Delors einmal. So trat er 1974 der französischen sozialistischen Partei bei, trotz seines anfänglichen Misstrauens gegenüber großen Parteien. Nach einer kurzen Zeit als Abgeordneter im ersten direkt gewählten Europäischen Parlament, wo er als Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Währung fungierte, wurde er 1981 unter dem französischen Präsidenten Mitterrand Minister für Finanzen und Wirtschaft. Dies war eine bemerkenswerte Position für einen ehemaligen Bankangestellten, die er durch harte Arbeit und immense Überzeugungskraft erreicht hatte, aber ohne Abschluss einer der üblichen französischen Eliteuniversitäten, In diesem Amt realisierte er eine entschlossene Sparpolitik, die den Franc stabilisierte und die Inflationsrate halbierte. Trotz ihres Erfolgs fehlte es seiner Politik an Popularität in der Bevölkerung. 1984 wurde Jacques Delors von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Mitterrand als Präsident der Europäischen Kommission vorgeschlagen und übernahm Anfang 1985 die mächtigste Position in den Europäischen Gemeinschaften.

Schon bald nach seinem Amtsantritt konnte Jacques Delors seinen Enthusiasmus für eine weitere Vertiefung der europäischen Integration unter den Mitgliedstaaten verbreiten. Bereits 1986 einigten sich die Europäischen Gemeinschaften auf eine tiefgreifende Reform ihrer Gründungsverträge, der Römischen Verträge. Die Einheitliche Europäische Akte sah den Übergang von einer rein wirtschaftlichen zu einer politischen Union mit dem Binnenmarkt im Zentrum vor und führte auch die Kohäsionspolitik ein. So gelang es Delors, Europa mit mehr Europa zu retten. In nur zehn Jahren bereiteten seine aufeinander folgenden Kommissionen den Vertrag von Maastricht vor, das Gründungsdokument der Europäischen Union. Mit diesem Vertrag wurde der Binnenmarkt vollendet, die europäische Zusammenarbeit in der Innen- und Rechtspolitik eingeführt und die Kompetenzen der Union in der Außen- und Sicherheitspolitik erweitert. Ebenso ebnete der Vertrag den Weg für die gemeinsame Währung Euro durch die Schaffung der Währungsunion. Darüber hinaus legte Delors mit dem Sozialprotokoll als Anhang zum Vertrag den Grundstein für eine Europäisierung der Sozialpolitik.

Als Präsident der Europäischen Kommission versuchte Jacques Delors, seine Vision der Europäischen Union als Friedensprojekt mit seinem Glauben an die Bedeutung einer Sozialunion zu verbinden. Er sieht die Wirtschaft als den Schlüsselbereich an, der die Union zusammenhält und die europäische Integration fördert. „Das europäische Modell ist erstens ein Sozial- und Wirtschaftssystem, das auf der Rolle des Marktes beruht [...]. Zweitens haben wir einen Staat, der eingreift, reguliert und die vom Markt hinterlassenen Lücken füllt. Das dritte Element ist die Rolle der Berufsverbände und Gewerkschaften, der ‚Sozialpartner", die dazu beitragen, die Menschen verantwortungsvoller zu machen". Mit dieser Kombination aus Marktordnung und sozialer Solidarität versuchte Delors, das europäische Modell vom US-amerikanischen Neoliberalismus abzugrenzen und die Union zusammenzuhalten. Seiner Ansicht nach zeichnet sich der europäische Vertrag durch „Wettbewerb, der stimuliert, Zusammenarbeit, die stärkt, und Solidarität, die vereint" aus. Auch nach seiner Zeit als Kommissionspräsident betonte er weiterhin die Bedeutung der europäischen Solidarität während der Euro-Krise der 2000er Jahre.

Nach drei Amtszeiten ging die Zeit von Jacques Delors als Präsident der Europäischen Kommission zu Ende. Er beschloss, nicht für die französischen Präsidentschaftswahlen zu kandidieren, da er keine Mehrheit für seine politischen Ideen sah. Er trat keine weiteren politischen Ämter an, kämpfte aber weiter für die europäische Integration. 1996 gründete er den Think Tank „Notre Europe", welcher heute unsere Schwesterinstitution, das Jacques Delors Institut in Paris, ist. Darüber hinaus versuchte der ehemalige Präsident bis vor kurzem aktiv, Mediendebatten zu beeinflussen und warnte regelmäßig davor, dass die Währungsunion ohne eine Wirtschaftsunion nicht funktionieren könne. Als Architekt des Binnenmarktes, Beschleuniger der europäischen Integration und Vordenker des Euro erhielt Jacques Delors zahlreiche Preise und ist einer der drei Ehrenbürger Europas

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