Meinung
07.07.17

Klimarisikoversicherungen sind ein Zukunftsmodell

Die G20 müssen armen Ländern bei der Bewältigung des Klimawandels stärker unter die Arme greifen, schreibt Nikolas Scherer.

Extremwetterereignisse wie Wirbelstürme, Dürren und Überschwemmungen haben in den letzten Jahren weltweit zugenommen. Gerade Entwicklungsländer in Afrika, der Karibik und im Pazifik sind davon besonders betroffen. Die Zunahme von Naturkatastrophen – nicht zuletzt ein Resultat des Klimawandels – führt zu steigendenden Opferzahlen, zerstört Infrastruktur und bedroht langfristig natürliche Lebensgrundlagen. Eine mögliches Instrument, um die Folgen dieser Entwicklung zu dämpfen, können regionale Klimarisikoversicherungen sein. Der G20-Gipfel in Hamburg könnte die Weichen stellen, um deren Ausbau systematisch voranzutreiben.

Staaten in Afrika, der Karibik und der Pazifikregion haben in den letzten Jahren innovative regionale, privat-öffentliche Versicherungsgesellschaften gegründet (CCRIF, ARC, PCRAFI). Hierbei zahlen die Staaten einer bestimmten Region eine jährliche Prämie und erhalten dafür im Katastrophenfall eine vorher festgelegte Auszahlungssumme zur Finanzierung humanitärer Nothilfe. Anders als bei einer klassischen Versicherung gibt es keine Gutachter, die die tatsächlichen Kosten der Katastrophe vor Ort aufwändig ermitteln, sondern sie werden mit Hilfe von Wetter- und Satellitendaten am Computer in Echtzeit hochgerechnet. Wird ein gewisser Schwellenwert erreicht, erhält das betroffene Land binnen 14 Tagen eine Auszahlung. Klingt fast zu simpel, um zu funktionieren, tut es aber!

Klimarisikoversicherungen leisteten bislang in 28 Fällen Auszahlungen in Höhe von insgesamt 106 Mio. US-Dollar. Sie stellten den betroffenen Ländern nicht nur umgehend und unbürokratisch dringend benötigte Mittel zur Verfügung, sie entwickeln sich auch zunehmend zu regionalen Frühwarn- und Wissensplattformen. Manche Gesellschaften bieten in ihrer Region Analysen, Schulungen und Beratungsleistungen an. Nicht zuletzt schaffen die Akteure Rahmenbedingungen für den Aufbau eines Versicherungsmarktes, den es außerhalb der OECD de facto nicht gibt. Ein äußerst vielversprechender Ansatz also, aber wo ist der Haken?

Zunächst liegt die Finanzierung der Prämien bislang allein bei den beteiligten Ländern. Die Prämien sind für die finanzschwachen Staaten des globalen Südens aber nur schwer zu stemmen. Es besteht die Gefahr, dass gerade die Länder, die am dringendsten einen Versicherungsschutz benötigen, sich diesen nicht leisten können. Es sind zugleich die Länder, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen. Die G20 sollten finanzschwache Staaten daher bei der Prämienzahlung unterstützen.

Zum zweiten machen nicht alle Versicherer den Ländern Vorgaben für die Mittelverwendung. Internationale Erfahrungen aus dem Katastrophenschutz zeigen allerdings, dass solche Festlegungen oft die entscheidenden Variable sind, um die Auswirkungen von Katastrophen möglichst gering zu halten und die Hilfe optimal zu organisieren. Die G20 sollten eine Prämiensubventionierung also an die Festlegung von Standards knüpfen, die sicherstellen, dass die Hilfe schnellstmöglich bei den Bedürftigen ankommt.

Handlungsbedarf besteht auch bei der Zusammensetzung der Steuerungsgremien der Versicherer. CCRIF, ARC und PCRAFI agieren zunehmend als regionale Frühwarn- und Wissensplattformen. Bislang gibt es jedoch zu wenige Katastrophenschutzexperten, die die Versicherungsfachleute in diesem Aufgabenfeld unterstützen. Ein nachhaltiges Instrument wird das Modell der Klimaschutzversicherung jedoch nur, wenn neben die Leistung im Schadensfall die Prävention als gleichrangige Aufgabe tritt.

Die bestehenden Gesellschaften zeigen gute Ansätze, stecken aber noch am Anfang ihrer Entwicklung, so dass auch Fehler passieren. In wenigstens drei Fällen haben Versicherungen eine Auszahlung, die hätte erfolgen müssen, nicht geleistet. Grund waren fehlerhaft interpretierte Daten. Auch kann nicht in allen Auszahlungsfällen eindeutig nachvollzogen werden, dass die Mittel vollständig für die Opfer verwendet wurden. Dennoch: Klimarisikoversicherungen haben großes Potenzial. Sie könnten in einem durchdachten Konzept zur Eindämmung der Folgen des weltweiten Klimawandels eine wichtige Rolle spielen. Die G20 wären gut beraten, den Gesellschaften bei der Verbesserung der Datengrundlage, beim Aufbau eines umfassenden Monitoring- und Evaluationssystems und bei der Einführung von Standards für die Mittelverwendung zur Seite zu stehen. Der G20-Gipfel in Hamburg sollte die Chance nicht verstreichen lassen, hier ein Signal zu setzen.