23.12.15

Kiron University: Entdeckung des Jahres 2015

Zum dritten Mal wählten Studierende der Hertie School die „Entdeckung des Jahres“ für das Handelsblatt.

2015 steht die Kiron-Universität für den pragmatisch-optimistischen Geist, mit dem junge Freiwillige in Deutschland Flüchtlingshilfe betreiben.

Bildung als Schlüssel zu gelungener Integration und einem selbstbestimmten Leben- keineswegs ein revolutionäres Konzept. Umso erstaunlicher, dass Flüchtlingen der Zugang zu Bildung in Deutschland oft so schwer gemacht wird. Es mag absurd klingen, junge Menschen die in ihren zerbombten Heimatstädten Familie und Besitz zurücklassen mussten, nach ihrem Abiturzeugnis zu fragen. Tatsächlich ist dies aber nur eines der vielen bürokratischen Hindernisse, die den Versuch eines Studiums in Deutschland oft scheitern lassen.

Die Kiron-Universität will das ändern. Im Sommer 2014 von den Studenten Markus Kreßler und Vincent Zimmer gegründet, verspricht sie Flüchtlingen einen freien und schnellen Zugang zu Bildung- ganz ohne bürokratischen Aufwand. Möglich gemacht wird dies durch ein Hybridmodell, bei dem die Studierenden erst zwei Jahre online Kurse belegen, bevor sie im dritten Jahr an eine der Partneruniversitäten im In- und Ausland wechseln. Studieninteressierte müssen zur Immatrikulation nur ihren Flüchtlingsstatus nachweisen, alle weiteren Dokumente können innerhalb von zwei Jahren nachgereicht werden. Inzwischen studieren bereits 1000 Flüchtlinge an der Kiron-Universität zum Beispiel Architektur, Wirtschaftswissenschaften oder Intercultural Studies. Die Zahl der Partneruniversitäten wächst ständig.

“We are doing this, because we can”- wir tun das, weil wir es können, steht auf der Website der Kiron- Universität. Es könnte das Motto der vielen jungen Freiwilligen sein, die mit großer Selbstverständlichkeit im letzten Jahr einfach angepackt haben. Warum können geflüchtete Menschen nicht einfach in Wohngemeinschaften wohnen statt in Massenunterkünften, fragten sich zum Beispiel drei Studenten aus Berlin, die daraufhin das Projekt “Flüchtlinge Willkommen” ins Leben riefen. Die Plattform ermöglicht es Flüchtlingen, in bereits bestehende Wohngemeinschaften integriert zu werden, und somit auch ein Stück in die deutsche Gesellschaft. Um Integration geht es auch den jungen Hamburgern des “Welcome Dinners”, deren Projekt Einheimische und Flüchtlinge für ein Abendessen zusammen bringt. Persönlich sollen diese Abendessen sein, eine Geste der deutschen Gastfreundschaft und eine Gelegenheit, sich besser kennen zu lernen. Der Gedanke der Freundschaft inspirierte ebenfalls die Initiative “Start with a Friend”, die Flüchtlingen eine Kontaktperson vermittelt, um den erstmals ungewohnten und oft mühsamen Alltag in Deutschland zu meistern. Dieser Freund hilft dann beispielsweise bei Behördengängen, Korrespondenz oder der Suche nach einem geeigneten Job. Den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern will auch Workeer, eine Plattform auf der Flüchtlinge einfach und effizient mit potentiellen Arbeitgebern zusammen gebracht werden. Wichtigstes Anliegen hierbei ist es, dass die Betroffenen nicht passiv auf Hilfe von außen warten müssen, sondern aktiv das eigene Schicksal gestalten können. Die Liste solcher Initiativen ließe sich seitenweise fortsetzen.

Doch können ein paar Ideen, geboren in den Küchen deutscher Studentenwohnungen, wirklich einen relevanten gesellschaftlichen Beitrag leisten? Noch gleichen viele dieser Initiativen einem großen Experiment, genau wie die deutsche Flüchtlingspolitik selbst. Anders als letztere allerdings sind sie von Zuversicht getragen, nicht von Verzagtheit. Ob und wie dieses Experiment gelingen kann wurde lange im Parlament, in Talkshows und in den Feuilletons deutscher Zeitungen diskutiert. Die Kiron-Universität repräsentiert eine Generation, die nicht viel diskutieren möchte, sondern konkret etwas bewegen will. Während zwischen Berlin und Brüssel noch große Ratlosigkeit herrschte, haben viele junge Deutsche ganz einfach angepackt in der Überzeugung, die Gesellschaft die sie sich wünschen selbst aktiv gestalten zu können. Und zwar mit deutscher Flexibilität statt deutscher Gründlichkeit. Dabei nutzen sie die Möglichkeiten der Digitalisierung, um innovative Ideen umzusetzen und tatsächliche Probleme zu lösen. Diese jungen Menschen sind keine naiven Weltverbesserer. Sie sind Pragmatiker, die ganz ohne parteipolitische Ideologien auskommen. Was sie alle verbindet ist der Gedanke, Flüchtlinge nicht als Problem zu sehen- sondern als Bereicherung für die deutsche Gesellschaft. Dieser “Kiron Spirit” ist unsere Entdeckung des Jahres 2015.

Dieser Beitrag erschien am 11. Dezember 2015 im Handelsblatt.