Mutiges Herz

Alljährlich tragen die Studierenden der Hertie School per „student vote“ zur Wahl „Menschen des Jahres“ der Wirtschaftszeitung Handelsblatt bei. Person des Jahres 2017: Federica Dávila.

Federica Dávila ist ein Kind des magischen Realismus wie der venezolanische Schriftsteller Uslar Pietri ihn verstand. Demnach existiert Geschichte nur dann, wenn sie tatsächlich erfahrbar ist. Die 1994 in Caracas geborene Medizinstudentin gehört zu denjenigen ihrer Generation, die angesichts der bespiellosen Krise ihres Landes nicht verzagen, sondern aktiv eingreifen. Federica Dávila und ihre Mitstreiter stoßen in das von Nicolás Maduro verursachte Vacuum hinein, trotzen der Gefahr und sind entschlossen, ihr Recht auf die Mitgestaltung der Zukunft Venezuelas wahrzunehmen.   

Federicas Mutter erzählt, dass ihre Tochter „Medizin“ aussprechen konnte, bevor sie „Mama“ sagte. Die Leidenschaft für den Arztberuf verbindet sich im Fall der 23-Jährigen mit Herzlichkeit, Hartnäckigkeit, Bescheidenheit und viel, viel Mut. 2014 gründete sie zusammen mit anderen Medizinstudenten die Organisation „Grünes Kreuz“. Während der Massenproteste und gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern des Regimes sind die inzwischen 250 Freiwilligen in vorderster Linie im Einsatz. Sie versorgen Verwundete und bringen sie in Sicherheit, unabhängig davon, ob sie zu den Protestierenden oder zu deren Gegnern oder den Ordnungskräften gehörten. Über 5000 Opfern der Gewalt in den Städten Venezuelas konnten sie bislang helfen.

Nicht an Politik interessiert zu sein ist ein Privileg, dass Venezolaner sich nicht leisten können. Wie Tausende Bürger ging auch Federica Dávila 2014 auf die Straße. Sie protestierte als Teil der Studentenbewegung gegen die Repression, zu der Machthaber Maduro griff, nachdem seine Wirtschaftspolitik gescheitert war und das Land immer rascher auf den Bankrott zusteuerte. Dávila erlebte die komplett unzureichende Notfallversorgung während der Proteste. Es überrascht nicht, dass Ambulanzen und Notärzte erst spät oder gar nicht zur Stelle waren. Wie nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens liegt in Venezuela auch die Gesundheitsversorgung am Boden. „Für viele Patienten kam die Hilfe zu spät. Oft waren die Verletzungen nicht einmal besonders schwerwiegend und ihr Sterben hätte verhindert werden können”, erklärt uns die Medizinstudentin in einem Skype-Gespräch.

Aus dieser Erfahrung entstand die Idee des Grünen Kreuzes. Die Organisation, die Federica Dávila zusammen mit ihren Kommilitonen Hipólito García und Asdrúbal Moreno ins Leben rief, nahm wenig später mit etwa 40 Freiwilligen ihre Arbeit auf. Inzwischen hat sich deren Zahl versechsfacht. Auch erfahrene Mediziner stießen zum Grünen Kreuz. Finanzielle und materielle Unterstützung erhält die Organisation vor allem aus dem Ausland. Die Spendenaufrufe finden mittlerweile auf der ganzen Welt Gehör.

Dennoch stellt die Freiwilligenorganisation angesichts der gewaltigen Probleme Venezuelas natürlich nur ein winziges Hoffnungszeichen dar. Venezuela hat die höchste Inflationsrate der Welt. Mittlerweile fehlt es in dem ölreichen Land an allem – von Arbeit und Bildung bis hin zu Arznei- und sogar Nahrungsmitteln. Der Präsident aber sucht weiterhin, seine Macht zu erhalten und auszubauen: Im März 2017 suspendierte er die Legislative, eine neue verfassungsgebende Versammlung spielt nach seinen Regeln. Monatelange Massenproteste vermochten  nicht zu verhindern, dass Venezuela sich immer weiter von der Demokratie entfernt. Immer mehr Menschen sehen sich gezwungen, das Land zu verlassen.  

Obwohl das Grüne Kreuz selbst neutral ist und Verwundete auf beiden Seiten behandelt, zählt das Regime sie zu seinen Gegnern. Die staatlichen Medien stellen die Freiwilligen als Oppositionelle dar. Einige der mutigen Mediziner sitzen in Haft oder wurden selbst schwer verwundet, einer von ihnen überlebte nicht. Der Fall des Grünen Kreuzes zeigt wie in einem Brennglas die Verachtung des venezolanischen Regimes für das eigene Volk. 

Obwohl es für sie ein enormes Risiko bedeutete, folgte Federica Dávila der Einladung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und sagte am 16. November auf einer Anhörung internationaler Experten über das gewaltsame Vorgehen der Regierung gegen die Zivilgesellschaft aus. Ihre Aussage wird in die OEA-Untersuchung des Vorwurfs der gezielten staatlichen Gewaltanwendung gegen Regierungskritiker einfließen: Von 124 Todesopfern, die die Massenproteste zwischen April und Juli dieses Jahres forderten, sollen 73 durch Sicherheitskräfte der Regierung direkt verursacht worden sein. Ob die Untersuchung die Lage in Venezuela konkret beeinflussen wird, bleibt freilich abzuwarten.

Federica Dávila steht für den Teil der jungen Generation Venezuelas, für die Aufgeben keine Option ist. Sie glaubt daran, dass zivilgesellschaftliches Handeln etwas auszurichten vermag, wie desolat die Lage auch sei. Laut Foucault weiß der Mensch zumeist, was er tut und oft sogar warum. Er weiß aber in der Regel nicht, was sein Tun bewirkt, welchen Effekt es auf das Handeln Anderer hat. Federica Dávila und ihre Mitstreiter helfen und helfen nicht nur Mitmenschen, die Opfer von Polizeigewalt und Tränengas geworden sind. vor der Gewalt der org. Sie zeigen, dass es immer noch positive Handlungsoptionen gibt in diesem zerrissenen Land, dem nach dem Kollaps der Wirtschaft nun auch der Kollaps der Demokratie droht. Sie ist damit Inspiration und Hoffnung für ihre Generation – und unser Mensch des Jahres 2017. 

Der Beitrag ist im Handelsblatt vom 15.12.2017 erschienen sowie im Online-Studentenmagazin der Hertie School, The Governance Post